














(Von den in der Rede vorgetragenen Anekdoten und Kommentaren zu den projizierten 65 Bildern werden in dieser gekürzten Fassung nur einige erwähnt):
Zur evangelischen Volksschule Köln-Brück kam ich 1955 mit einem blauen Schulauto, einem umgebauten Tempo Matador, der von einer quisseligen alten Jungfer mit einem Knuutz gefahren wurde. Wir saßen auf seitlichen Holzbänken wie in einem französischen Feuerwehrauto. Ich forderte meine Co-Belegschaft auf rhythmisch zu schaukeln. Die Fahrerin hielt an, schimpfte uns aus, ich titulierte sie als „Dumme Ziege“, in der zweiten Stunde klopfte es am Klassenzimmer, der Direktor Stremmel stand vor der Tür. „Kesberg, mal rauskommen!“, neben ihm die Busfahrerin. „Guck mir ins Gesicht wie ein Mann!“ Das tat ich. Die Folge: sein kräftiger Handschlag traf mich voll. Ich war kein Draufgänger und kein Frecher, aber als Sohn eines Künstlers hatte ich schon ein eigenes Ego entwickelt.
Nach Bestehen der Aufnahmeprüfung am Deutzer Gymnasium wollte ich ein Instrument lernen, natürlich Trompete, weil mein Vater mir den Jazz nahegebracht hatte und ich früh den Eigelstein nach alten Jazzplatten abklapperte. Mein Musiklehrer meinte, ich solle erst mal Blockflöte lernen, zwei Jahre, nur mit Mädchen zusammen. Aber dann kam die erste Klarinette, der blieb ich treu, bis ich 20 war, Tuba und Horn kamen durch die Hintertür im evang. Posaunenchor. Und vor dem Kölner Kaufhof spielten wir im Advent Weihnachtslieder, mit abgeschnittenen Handschuhen, und verdienten uns ein paar Mark.
Da mein Vater als Grafiker ständig mit Zeitungen zu tun hatte und mit mir die Redaktionen besuchte, war klar, dass ich so früh wie möglich in die Schülerzeitung einstieg. Die älteren Redakteure waren Jürgen Flimm und Manfred Ritterbach, von ihnen übernahm ich die „namenlose“ für etwa vier Jahrgänge. Und da ich eigentlich immer das mache, was ich gerne und gut mache, habe ich ein paar Jahre später, ab 1982, wieder Schülerzeitung gemacht, als Literaturkurs¬lehrer, etwa 14 Ausgaben des „Kneifer“, und dann, zwischen 1992 und 2000 20 Ausgaben einer Schulzeitung, die ich „die namenlose“ nannte, nachdem ich vorsichtig bei meiner ehemaligen Schule angefragt hatte, ob jemand darauf das Copyright besaß.
Besondere Freude machte es mir, Regisseur der Schultheatergruppe zu sein, ab 1982, mit den Klassikern „Unsere kleine Stadt“, „Die Physiker“, „Der Geizige“, „Ein Sommernachtsraum“, „Leonce und Lena“, einem Heine-Abend, einem Brecht-Abend. Wir gingen sogar auf Tournee und traten auf der Kölner Schultheaterwoche im Schauspielhaus auf, unter den guten Momenten meines Lehrerdaseins waren das die schönsten.
Das Frechener Kollegium, dem ich dann seit 1988 vorstand, war eine ziemlich
bunte Gesellschaft mit einigen starken Einzelpersonen, aber auch festgewachsenen
Strukturen. Ich hatte heimlich – mit einem Literaturkurs - eine Art
Zoologie-Stammbaum der Fauna des Rotdornweges verfasst. Wie in jeder Institution
gab es die Bedenkenträgerinnen, die Entrüster, die abgehobenen Wissenschaftler
und die Wadenbeißer. Ähnliche Arten lernte ich gleichzeitig in
der Politik kennen. Ich gab den Gestalten satirisch verballhornte lateinische
Namen. Das Ganze wurde dann von einem anderen Kurs im E-Gebäude im 2.
Stock riesengroß an die Wand gepinselt. Ich kann es jetzt gestehen:
das meiste stammt von mir selbst.
Neben Herrn Bedorf, der in allem Organisatorischen und in Disziplinarfragen
der starke Mann und ein genialer Macher mit Durchsetzungskraft war, fand ich
in Herrn Ulm und in den Damen des Sekretariats die immer hilfsbereiten Stützen,
die mir das Leben 20 Jahre lang gut erträglich machten.
Eine gute Idee entstand zwischen Kohl und Jelzin an einem Saunaabend. 500 Jugendliche aus der Sowjetuniuon sollten Deutschland besuchen. Der Zufall wollte es, dass 30 aus Moldawien in den Erftkreis kamen. 8 Jahre lang lief dann, von mir befeuert, der Schüleraustausch mit Moldova, der kleinsten und wohlhabenden, jetzt ärmsten ehemaligen Sowjetrepublik, ich war viermal mit einer Schülergruppe dort und wir empfingen viermal Gäste. Viele Freundschaften entstanden dabei – Schule wie im 19. Jahrhundert. Klassenräume wie im Wohnzimmer der Lehrerin, 8. Mai-Gedenkfestzug usw. Diese Erfahrung des Schüler-austauschs war für mich eine der prägendsten der ganzen Lehrerzeit. Intensive Freundschaften sind daraus entstanden, ich verbrachte einmal 4 Wochen dort, besuchte Künstler und lebte auf dem Land wie in mittelalterlichen Verhältnissen.
Für mich war Unterrichten meist ein Vergnügen, keine Last. Ich übernahm alles das, was getan werden musste, wo ein Engpass war. So kam ich zu über 15 Jahren Lateinunterricht, zu meinen Literaturkursen, und zuletzt mal wieder zu einigen Jahren Kunstunterricht, was mich sehr inspirierte und wo ich – zur Freude der Schüler – in den letzten Jahren noch einmal ganz in meinem Element sein konnte.
Manchen war das Tempo der Schulentwicklung zu langsam, manchen zu schnell. Recht machen kann man es niemandem.
Gut finde ich die Fortschritte in der Mediengrundaus¬stattung und unsere
Mediothek. Wir lagen einmal an der Spitze, jetzt liegen wir im oberen Mittelmaß,
haben ein teures W-Lan, das aber nur eingeschränkt genutzt werden kann,
weil seit 2 Jahren keine Einigung über die Anschaffungen erzielt werden
konnte.
Eine Perle ist das LNU. Wie aufregend war das doch vor 10 Jahren, als wir
mit List und Geduld ein kluges Konzept entwickelten und eine Industriestiftung
überzeugten, uns einen damals astronomisch hohen Betrag zur Verfügung
zu stellen. Da fehlt allerdings noch die anstehende Sanierung der Naturwissenschaften
– sonst verliert die Perle ihren Glanz!
Gut finde ich den Weg zur Ganztagsschule, wenn er genutzt wird, den Schultag
menschlicher, menschengemäßer zu gestalten, mit mehr Doppelstunden
zum selbstständigen Arbeiten. Und Freiräume für Arbeitsgemeinschaften
sollten erhalten bleiben. Was wäre unser Schulleben ohne die vielen AGs,
von deren Lebendigkeit unser Zirkus „Pimparello“ gerade eben eine
wunderschöne Kostprobe gegeben hat. Und mit der Planung einer Mensa muss
endlich begonnen werden, aber bitte mit Mehrzweckraumfunktion.
Problematisch finde ich die Tendenz zur immer stärkeren Komprimierung,
Standardisierung und Gängelung, an der Schule wie an der Universität.
Begabte werden sich dann entfalten, wenn wir ihnen mehr Freiräume lassen.
Vieles von dem, was wir den Schülern beigebracht haben, wird schon sehr
schnell wieder verlernt. Man behält besonders gut, wenn man selber mit
eigenem Interesse in das Thema verstrickt ist und wenn positive Emotionen
das Lernen begleiten. Leider sind viele Lernversuche nicht mit positiven Emotionen
verbunden. Fakten und Basiswissen sind wichtig, aber die Trennung vom Wissensmüll
ist es auch.
Eine Schule, in der nicht menschliche Begegnungen zwischen Lehrenden und Lernenden
stattfinden, taugt nichts. Diese menschlichen Erfahrungen sind wichtiger als
jeder nach den Richtlinien perfekte Unterricht.
Menschliche Kontakte innerhalb des Kollegiums und permanente Gespräche,
das erkannte und beherzigte ich besonders in späteren Jahren, sind die
wichtigen Triebkräfte, die eine so komplexe Organisation voranbringen.
Ich kann das meinen Nachfolgern nur ans Herz legen. Mit großer Dankbarkeit
denke ich an meine Teampartner, an meine Stellvertreter Herrn Bedorf, Herrn
Dr.Kupsch und Frau Bold. Alles grundverschiedene Persönlichkeiten, alles
Glücksfälle. Frau Bold wünsche ich alles Gute für ihre
weitere Zukunft im Kollegium.
Ich bin und bleibe Optimist, was die persönliche Entwicklungsfähigkeit
von Menschen angeht. Perfektibilität, na ja. Da habe ich dem Schlusswort
„Wir müssen unseren eigenen Garten bebauen“ aus Voltaires
„Candide“ nichts Klügeres hinzuzufügen.
Ich habe es mir und Ihnen nicht leicht gemacht. Zum Abschluss noch einmal
ein Dank Ihnen allen, die Sie gerne mit mir hier gearbeitet haben, auch dafür,
dass Sie mich geduldig ertragen haben.
Unserer Schule wünsche ich eine gute Zukunft und Ihnen, liebe Kollegen,
wünsche ich noch viel Freude in diesem tollen Beruf!




Feierliche Verabschiedung
des Schulleiters Helmut Kesberg, der Kollegin Dagmar Steffens und des Kollegen Klaus Tönnessen
Die Moderation übernahmen Frau Bachmann und Herr Rödder